Über Menstruation zu sprechen ist in Äthiopien ein TABU

Dank großzügiger Spender können wir das Dignity Period Projekt in Mekelle finanziell unterstützen, damit die bedürftigen Schülerinnen der von uns gebauten äthiopischen Grundschulen waschbare Menstruationsvorlagen erhalten.

Die Medizinstudentin Alisa Thierij berichtet von ihrem Besuch in den Schulen und bei dem Hersteller der Menstruationsvorlagen in Mekelle im Oktober 2018

Menstruationsbinden
Schlüssel für Bildung von Mädchen und Frauen in Äthiopien

Dignity Period Pad in hand

Bericht von Cand Med Alisa Thiery aus München über ihren fünftägigen Aufenthalt in Äthiopien im Oktober 2018

Bildung in Äthiopien

Ein großer Baum, ein bisschen Schatten, ein Stein zum Sitzen – das ist eine typische Schule in Äthiopien. Solche „Baumschulen“ sind der Ort der Bildung für den Großteil äthiopischer Kinder. Außerhalb der großen Städte leben die Einheimischen in kleinen Dörfern, die Steinhäuser oder Hütten teilweise weit auseinander, sodass die Kinder bis zu drei Kilometer täglich in die nächste Schule laufen müssen. Zudem gibt es so viele Kinder, dass die Schule hier in zwei Schichten, vormittags und nachmittags, stattfindet. Viele Kinder in einer Familie bedeuten für die Familien vor allem mehr Hilfe beim Tiere hüten, Wasser tragen und Felder beackern.

Baumschule

Typische Baumsschule (auch auf englisch in Äthiopien "Shadow School" genannt.

Genau deshalb Bildung ist essentiell, besonders in einem der ärmsten Länder der Welt wie Äthiopien. Nicht nur Rechnen und Schreiben, sondern viel mehr auch alltägliche Dinge wie Ernährung, Hygiene, seine eigenen Rechte kennen und kluge Entscheidungen treffen sollen hier gelehrt werden. Wie genau das erreicht werden soll, haben wir während unseres fünftägigen Aufenthalts in Äthiopiens Nordprovinz Tigray erleben dürfen. Wir – das sind Barbara Sophie Brunner und Alisa Thierij, beides Medizinstudentinnen an der LMU in München.

Die Problematik der Bildung fängt in Äthiopien nämlich eigentlich viel früher an als erst auf der Oberschule, der Universität oder beispielsweise bei Ärzten in der Facharztausbildung, und zwar bereits in der Grundschule. In den Dörfern findet der Unterricht oftmals in den oben beschriebenen, sogenannten Baumschulen statt. Die Kinder versammeln sich mit dem Lehrer unter einem Baum, sitzen auf dem Boden oder Steinen und legen das Heft auf den Schoß.

Eigene Erfahrungen

Im Rahmen unserer Doktorarbeit flogen wir mit unserem Doktorvater Prof. Dr. Nikolaus Haas, Leiter der Abteilung für Kinderkardiologie und pädiatrische Intensivmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, am 29. Oktober 2018 für fünf Tage nach Mekelle, Äthiopien. Vorrangiger Teil unserer Arbeit war es, speziell entwickelte Modelle von angeborenen Herzfehlern zu überprüfen, die zur Ausbildung und Erläuterung für Äthiopische Kardiologen zur Behandlung von angeborenen Herzfehlern eingesetzt wurden, um ein nachhaltiges Training und damit eine Optimierung der Patientenversorgung vor Ort zu etablieren. Organisiert und unterstützt wurden wir dabei von dem deutschen Entwicklungshilfeverein Ethiopia-Witten e.V..

Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden des Vereins, Dr. Christian Leuner, ehemaliger leitender Oberarzt der Kardiologie im Klinikum Bielefeld, der in Mekelle 2013 den Grundstein für den Aufbau des neuen, standardisierten Herzkatherlabors gelegt hat, führten wir nicht nur einen sehr erfolgreichen Workshop durch. Wir hatten im Rahmen dieses Aufenthalts auch noch Gelegenheit die anderen Projekte, die der Verein tatkräftig unterstützt und vorantreibt, zu besuchen und erläutert zu bekommen. Einer der wesentlichen Bausteine dieser Hilfe ist dabei der Fokus auf Bildung.

Schulen

Wie problematisch das Thema Bildung für die Entwicklung des Landes ist, zeigt sich bereits am Zustand der Grundschulen. Zwar existiert eine allgemeine Schulpflicht und der Grad der Analphabeten in Äthiopien sinkt kontinuierlich, aber der Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Lande, wo der Unterricht oftmals immer noch in den oben beschriebenen, sogenannten Baumschulen stattfindet.

Daher ist aktuell auch der Schulbau ein sehr wichtiges Thema, um einen Unterricht unabhängig vom Wetter zu ermöglichen. In Tigray, der Region Äthiopiens, in der auch die Stadt Mekelle liegt, wird dies von der Tigray Development Association (TDA), der Universität Mekelle und unter anderem auch dem Verein Ethiopia-Witten ermöglicht.

Visiting Laelay Seken school

Prof. Nikolaus Haas, Barbara Sophie Brunner, Alisa Thiery, Dr. Christian Leuner

An einem extra dafür eingerichteten freien Tag besuchten wir deshalb zwei Schulen, die erst kürzlich gebaut wurden und eine dritte, die zur Fertigstellung finanzielle Hilfe benötigt. Die Errichtung eines Schulgebäudes kostet ca. 75.000 – 100.000,- €, damit die Kinder ein geschütztes Gebäude und eine Tafel zum Lernen haben. Toiletten gibt es momentan noch nicht an vielen Schulen und wenn doch, dann fehlt es meist am fließenden Wasser, sodass Hygiene trotzdem ein schwieriges Thema bleibt.

Laelay Seken School 2018

Die von Etiopia-Witten und der TDA neu erbaute Laelay Seken Grundschule

Zugang zur Schulbildung für Mädchen

Bildung ist in Äthiopien besonders für Mädchen der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Derzeit ist es in Äthiopien für den Großteil der Mädchen schwierig, regelmäßig am Unterricht teilzunehmen.

Für die Mädchen ergibt sich ein zusätzliches und für Europäische Frauen kaum vorstellbares Problem: Anders als in Europa gibt es im Lande keine universell verfügbaren oder gar finanziell erschwinglichen Hygieneartikel. Ein Problem, an das auch wir persönlich nie gedacht hätten. Für Mädchen in bzw. nach der Pubertät ist daher die eigene Körperhygiene einmal im Monat zuhause schon kaum möglich, geschweige denn in der Schule. Während der Periode bleiben die Mädchen daher tagelang zuhause oder brechen die Schule ganz ab, sobald sie das erste Mal menstruieren. Die meisten von ihnen besitzen nicht einmal Unterwäsche. Das bedeutet dann ganz konkret, dass die Mädchen ohne Unterwäsche und Vorlagen zuhause – teilweise vor ihrer Hütte sitzen – und Ihr Menstruationsblut in eine kleine Grube laufen lassen – ein Schulbesuch ist so natürlich nicht möglich. Darüberhinaus iss auch in Äthiopien so wie in vielen Ländern dieser Welt die Information und Aufklärung zum Thema Menstruation, Anatomie und Physiologie des Zyklus oder gar zum Thema Pubertät, Sexualität, Schwangerschaft und Verhütung stark tabuisiert.

Daher ist für die Vermittlung von Wissen an die Mädchen darüber, was mit ihnen während der Pubertät passiert, dass eine Monatsblutung natürlich ist und nichts Schlechtes bedeutet von größter Bedeutung. Bildung bedeutet auch das Wissen darüber, wie man schwanger wird – oder eben auch nicht. Bildung und Information über die Menstruation bedeutet auch Kenntnis darüber, wie eine entsprechende Hygiene funktioniert und wie die Mädchen trotz Menstruation ein eigentlich normales Leben führen können – ohne der Schule fern zu bleiben. Weniger Fehltage bedeuten mehr Möglichkeiten zu lernen, zur weiterführenden Schule zu gehen und einen Beruf zu erlernen. Und damit ist Bildung auch der Schlüssel zu einer Verringerung der Anzahl von Schwangerschaften und Geburten – eines der Kernprobleme in vielen Ländern Afrikas und auch in Äthiopien. Während eine Frau auf dem Lande in Äthiopien noch durchschnittlich ca. 4 Kinder bekommt, liegt diese Zahl in der Hauptstadt Addis Abeba bei Frauen mit einem Bildungsabschluss bei nur noch ca. 1,3 Kindern.

Waschbare Binden – eine Äthiopische Lösung

Diese Tatsache hat auch die Unternehmerin Freweini Mebrahtu erkannt. Sie selbst ist in der Provinz Tigray aufgewachsen und hat erlebt, welche Hürden es mit sich bringt, ohne jegliche Hygieneprodukte auszukommen. Sie selbst kommt aus einer wohlhabenden Familie und hatte daher das Glück, zum Studium in die USA auswandern zu können. Dort angekommen war Sie überwältigt von der riesigen Auswahl an Binden, Tampons und anderen Hygieneprodukten, die sie dort gesehen hat. Mit den Erinnerungen an ihre eigene Kindheit macht sie es sich heute zum Ziel, den äthiopischen Mädchen zu helfen.

15 Jahre lebte sie in den USA, bevor sie das Versprechen an ihre Mutter einlöste, wieder nach Hause zu kommen und den Mädchen ihrer Heimatregion das Leben ein Stück weit zu erleichtern. Um eines der dringlichsten Probleme der Mädchen und Frauen zu lösen entwickelte sie lange haltbare, auswaschbare Menstruationsvorlagen, die sie nun in Mekelle produziert. Jede dieser Vorlagen wird in ihrer Fabrik‚ Mariam Seba Sanitary Products Factory’, benannt nach ihrer Tochter Mariam Seba, von lokalen Näherinnen handgefertigt. Die Rohstoffe sind praktisch alle lokal produziert. Die Frauen, die sich bei ihr für einen Arbeitsplatz bewerben, bekommen eine Ausbildung, ein festes Gehalt, Krankheits- und Mutterschutz und dürfen ihre Kinder mit zu Arbeit nehmen – gelebter Fortschritt auf Äthiopisch.

Wir hatten die Gelegenheit, Freweini und Ihre Fabrik zu besuchen. Freweini hat Charisma und eine wahnsinnige Ausstrahlung, als sie uns ihre Fabrik und die Produkte präsentiert.

 

 Mariamseba company

Sie wirkt äußerst bestimmt und überzeugt von dem, was sie hier aufgebaut hat, und das zu Recht. Jeweils vier Vorlagen sind zusammen mit zwei ebenfalls hier genähten Unterhosen in einem Paket, welches später an den Schulen verteilt wird. Denn ohne Unterwäsche haben die Mädchen schließlich keinen Nutzen von den Binden.
 
Haas und Anisa mit Bindenpacket
 

Um ihre Produkte in einem sinnvollen Konzept an die Mädchen zu bringen braucht es allerdings mehr als nur die Menstruationsvorlagen und Helfer beim Verteilen – es bedarf einer umfangreichen Aufklärung und Information der Schülerinnen, Schüler und Lehrer sowie der gesamten Bevölkerung. Gemeinsam mit der Universität Mekelle und dem Gynäkologen Dr. Lewis Wall, welcher die Organisation von Amerika aus unterstützt gründete sie den Verein Dignity Period. Ihr Konzept funktioniert, indem sie an Schulen fahren und dort bei einem ersten Besuch allen Schülern Unterricht über das Thema Menstruation geben. Die Lehrer haben anschließend vier Wochen Zeit das Thema weiter zu unterrichten und zu vertiefen. Um den Erfolg dieses Konzepts sicherzustellen und zu überprüfen, ob eine Schule geeignet ist, an dem Projekt teilzunehmen, werden beim erneuten Besuch der Schule fünf Schüler, sowohl Jungs als auch Mädchen, ausgewählt und befragt. Können drei der fünf Schüler die Fragen ausreichend beantworten, wird die Schule in das Programm mit aufgenommen. Erst danach erhalten alle Mädchen ein Paket (Zwei Unterhosen und vier Vorlagen) sowie ein zusätzliches Informationsheft in lokaler Sprache wie z.B. über das regelmäßige Waschen der Binden, persönliche Körperhygiene aber auch sexuell übertragbare Erkrankungen und die Tatsache, dass die Binden eben den einzelnen Mädchen gehören und sie diese nicht an Schwestern oder ihre Mütter verleihen sollen. Im Normalfall reicht dieses eine Packet aus, ein Mädchen für ca. 15-18 Monate zu versorgen.

Slip and sanitary pad Zwei schwarze Slips und vier Vorlagen sind in einem Packet

Die Strategie dahinter hat uns besonders begeistert. In vielen Schulen in Äthiopien und auch zuhause ist das Thema rund um die Menstruation und auch Sexualität, wie bereits beschrieben, immer noch Tabu. Auch vielen Lehrern ist das Thema sichtlich unangenehm. Doch auf diese Weise stellen die Organisatoren um Freweini und das Dignity Period Projekt sicher, dass tatsächlich darüber gesprochen wird und somit das Problem von den Familien und der Schule thematisiert und damit enttabuisiert wird.

Zur zusätzlichen Bildung und Information wurden Bilderbücher entwickelt, in denen einfach erklärt wird, was während der Pubertät passiert, wie sich die Mädchen eventuell dabei fühlen und wie sie am besten damit umgehen.
 
Info-Broschuere von Dignity Period

Info-Broschuere Dignity Period Rueckseite

Je nach Region tragen die Mädchen auf den Bildern die typische Kleidung. So ist beispielsweise in der Wüstenprovinz Afar, der muslimisch geprägten Nachbarregion zu Tigray, welche von Dignity Period bereits mit betreut wird, das weiße Kopftuch typisch. Insgesamt zielen diese Hefte darauf ab, möglichst die lokale Situation der werdenden Frauen widerzuspiegeln und sehr verständnisvoll und unterstützend zu informieren.

Info-Broschuere von Dignity Period for Muslime Girls

Dieses Projekt wird von der Mekelle University auch wissenschaftlich begleitet. Besonders beeindruckt hat uns auch der Vortrag des Projektmanagers an der Mekelle University, Dr. Belay Shewaye, in dem er uns unter anderem die Statistiken und Erfolge von Dignity Period offenlegte. Allein im letzten Jahr haben sie 175 Schulen erreicht, 135.000 Schüler unterrichtet und 66.000 Pakete ausgeteilt. Die Mädchen an diesen Schulen haben deutlich weniger Unterricht verpasst, die Anzahl der Fehltage nahm bei den Mädchen im Vergleich zu den Jungen um 24% ab. Die Projektleiter von Dignity Period verteilen also nicht nur die Produkte, sie begleiten dies auch sehr genau und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und können nur so den Erfolg messen.

Dr. Belay Shewaye mit Pads

Herr Dr. Belay Shewaye und Mitareiterin von Dignitiy Period zeigen die Informationshefte

Eigene Erfahrung

Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns – 2 junge moderne Frauen aus Europa - zu diesem Thema vorher noch nie Gedanken gemacht. Umso erstaunter waren wir, als unser Doktorvater uns auf diese Thematik hinwies und uns erstmals mit diesem Thema konfrontierte, während wir uns auf unseren Besuch in Äthiopien vorbereiteten. Er selbst unterstützt zusammen mit seiner Frau eine Schule finanziell so, dass für 3 Jahre die Versorgung aller ca. 250 Mädchen dieser Schule mit den Produkten sichergestellt ist. In unserer Welt, gibt es eine riesige Auswahl, verschiedenste Hygieneprodukte aller Art sind im Überfluss verfügbar und das einzige Problem besteht darin, dass man sich entscheiden muss. Dies ist in Äthiopien völlig anders; mit umgerechnet ca. 26 € können in Äthiopien fünf Mädchen für 18 Monate mit Hygieneartikeln versorgt werden und bekommen eine erste Bildung in Richtung Pubertät. Dieses Projekt greift also genau an dem Punkt an, mit dem Entwicklungshilfe beginnt. Die Kinder brauchen mehr Bildung, vor allem auch die Mädchen. Wirklich fasziniert haben uns dabei all die Menschen, die so tatkräftig dahinterstehen und diese Hilfe ermöglichen.

Fazit:

Der Zugang zu Bildung scheitert in vielen Gegenden der Welt an einfachen Dingen. Dies gilt insbesondere für Mädchen und junge Frauen, wie wir an dem für uns unvorstellbaren Beispiel der unzureichenden Menstruationshygiene in Äthiopien erfahren konnten. Eine vernünftige Aufklärung in Kombination mit ein wenig gezielter Entwicklungshilfe – aber vor allem starken charismatischen Frauen vor Ort - bietet in unserem Beispiel die Möglichkeit, hier ein Problem an der Wurzel zu packen und zu lösen. Bildung für Mädchen und Frauen ist daher der Schlüssel für die Entwicklung eines Landes; gerade in diesen Ländern mit einer sich explosionsartig vervielfältigenden Bevölkerung – ist Bildung für Mädchen und Frauen auch der Schlüssel zu einem sich verringernden Bevölkerungswachstum, damit der Vermeidung von Hunger und Armut und letztendlich steigendem Wohlstand der Gesellschaft.

Wenn Sie mehr erfahren wollen oder das Projekt unterstützen möchten, so wenden sich zur Kontaktaufnahme an die Abteilung für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin der LMU München (kika@med.uni-muenchen.de). Mehr Informationen zu Dignity Period und auch die Möglichkeit einen finanziellen Beitrag zu leisten sind zu finden auf der Internetseite: www.dignityperiod.org.

 

Prof. Haas mit Studis in der Schulbank