Äthiopien benötigt Hilfe auf vielen Gebieten

Seit Gründung des Vereins Etiopia-Witten von Ärzten aus der Stadt Witten 2009 hat nicht nur die große Not und Hilfsbedürftigkeit auf medizinischen Gebiet die Mitglieder des Vereins bewegt sondern es wurden weitere Fördergebiete entwickelt. Auch habe sich Unterstützer aus allen Teilen Deutschlands dem Verein angeschlossen.
Zur Zeit (Herbst 2016) fördert der Verein diese Bereiche:
Medizinbereich - Spenden von Geräten und Materialien, Schulung und Weiterbildung von Ärzten und Pflegekräften
Staatliche Verwaltung - Beratung von Ministerien und Bildungseinrichtungen bei der Schaffung moderner
Verwaltungsstrukturen
Krankenhausverwaltung - Gebäude und Medizintechnik, Gebäudeverwaltung, Finanzwesen, Personalwesen, Beschaffung
Bildung und Kultur - Bau von Grundschulen, Spenden von Schuleinrichtung bis zu Computern, Deutschunterricht, Musikevents, Musikworkshops, Sammlung von Musikinstrumenten
Kommunale Infrastruktur (Stadt Witten als Partnerstadt) - Rettungswesen, Feuerwehr, Brandschutz Polizei

Weitere Projekte - Ländliche Agrarberatung, Kleinbauernprojekte, Trockentoiletten,

Die Lage im Gesundheitswesen Äthiopiens

Das Gesundheitswesen Äthiopiens

Unsere Strukturanalysen des äthiopischen Gesundheitswesens und der Krankenhäuser in Bishoftu, Axum, Adua, Mekelle und Addis Abeba ergaben folgendes Bild:

Nur ein Teil der Bevölkerung hat Zugang zu den Einrichtungen des Gesundheitssystems.

Das öffentliche Gesundheitswesen in Äthiopien gliedert sich in:

  • Zentrale Überweisungshospitäler (central referral hospitals)
  • Regionale Hospitäler (Regional Hospitals)
  • Provinzhospitäler (Rural Hospitals)
  • Gesundheitszentren (Health Centers)
  • Gesundheitsstationen/ „Kliniken“ (Health Stations, Clinics)
  • Gesundheitsposten

Diese Krankenhäuser und Einrichtungen werden staatlich betrieben. Sie bekommen für ihre Aufgaben ein Budget zur Verfügung gestellt. Mit diesem Geld wird alles bezahlt. Personalkosten, Sachkosten, Behandlungskosten. Die Steuerung erfolgt über das föderale- Gesundheitsministerium + Bildungsministerium und des jeweilige Land.

Daneben gibt es ein Angebot des privaten Sektors mit

  • Hospitälern und privaten Kliniken
  • Apotheken
  • NGO – oder über Religionsgemeinschaften geführten Einrichtungen
  • Traditionelle Heiler

Je nach Einkommen muss die Behandlung in den Krankenhäusern bezahlt werden. Hierher kommen also nur Personen, die wenigstens über ein kleines Einkommen verfügen. Personen mit besserem Einkommen suchen medizinische Versorgung in privaten Einrichtungen. Personen ohne Einkommen gehen in Health Centers und Health Stations, wenn diese in ihrer Nähe gelegen sind. Die Versorgung dort ist regional sehr unterschiedlich und unterliegt häufig Zufällen. Kommt man außerhalb der Öffnungszeiten, trifft man niemanden an oder wird abgewiesen. Ein europäisch gegliedertes Notdienstsystem gibt es nicht.

In Äthiopien gibt es bisher keine allgemeine Gesundheitsversicherung. Eine staatliche Krankenversicherung existiert für ca. 15.000 Regierungsangestellte. Sie soll mit ausländischer Beratung weiter aufgebaut werden. Es gibt einige private Gesundheitsversicherungen, die aber nur einen verschwindend geringen Teil der Äthiopier versorgt. Fast jeder Bürger muss seine Behandlung also selber bezahlen. Besonders arme Personen (das ist die Mehrheit) können sich eine Bescheinigung bei ihrer Heimatgemeinde ausstellen lassen. Sie erhalten dann eine kostenlose Gesundheitsversorgung auf niedrigstem Niveau.
Die Behandlungskosten werden separat für Untersuchungen, Medikamente, Operationen, Unterkunft, Pflegeleistungen, Essen und Trinken etc. abgerechnet.

Die Zahl der Ärzte in Äthiopien ist deutlich geringer als in westlichen Ländern (grob geschätzt etwa 5000 Ärzte oder 1 Arzt auf 22.000 Menschen bei ca. 100 Mio. EInwohnern). In Europa übliche Arztleistungen werden häufig von sog. Health officers übernommen (Wundversorgung, Amputationen, Geburtshilfe einschließlich Kaiserschnitte, Versorgung von AIDS- Kranken, Tuberkulosekranken etc.)
Die meisten Ärzte arbeiten in staatlichen Krankenhäusern. Das Einkommen dort ist gering und erlaubt kein adäquates Leben. Daher haben die meisten Ärzte zusätzlich eine Privatpraxis. Regional unterschiedlich verbringen sie dort einen großen Teil ihrer Arbeitszeit. In den großen Städten entstehen zunehmend privat geführte Arztpraxen und private Krankenhäuser.

Krankenhausbetten sind knapp in Äthiopien. Trotzdem sind die Betten in vielen Häusern nur zum Teil belegt. Dies liegt am unverändert erheblichen Personal- und Materialmangel.

Das Personal im medizinischen Bereich (Ärzte, Schwestern/Pfleger, Health Officers) ist oft sehr gut ausgebildet und deren praktische Erfahrungen sind für europäische Verhältnisse erstaunlich gut. Es fehlt aber fast vollständig medizin-technisches Personal. Daher werden vorhandene Geräte kaum gewartet und können bei Defekten meist nicht mehr benutzt werden. In vielen Kliniken stehen hochwertige Geräte nutzlos herum, nur weil sie einen kleinen Defekt haben oder weil die (ausländische) Bedienungsanleitung nicht gelesen werden kann.

Auf einer Analyse- und Reparatur-Reise zweier unserer Ingenieure in 8 Kliniken des Nordens im Januar 2011 konnten zahlreiche wichtige Geräte (Autoklaven, Sauerstoffgeräte, Narkose- und Laborgeräte) durch banale Eingriffe wieder funktionstüchtig machen. Die Ingenieure waren speziell zur Weitergabe ihres technischen Wissens und vor Ort Training von Technikpersonal in diese Kliniken entsandt worden. Sie fanden jedoch dort kein Personal vor, welches sie hätten trainieren können.
Dies Zeigt, dass medizinische und andere Geräte in Krankenhäusern häufig nur solange funktionieren, wie sich eine ausländische Entwicklungshilfe Organisation (NGO) darum kümmert. In der Stadt Adua wurde zum Beispiel von einer norwegischen NGO eine Röntgenanlage installiert und einige Jahre lang betreut. Nach Rückzug der Norweger fielen sukzessive Teile, wie Durchleuchtung und automatische Entwicklung aus. Die Anlage kann heute nur noch zum Anfertigen einfacher Röntgen-Aufnahmen verwendet werden.

Die hauptsächlichen Gesundheitsprobleme in Äthiopien sind nach wie vor Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose, Wurminfektionen, Leishmaniose, Bilharziose, Durchfallerkrankungen, Infekte der oberen und unteren Luftwege, Asthma, Hauterkrankungen und HIV/Aids-Infektionen, Augenkrankheiten wie Trachom und Epilepsie. Das in Folge von kindlicher bakterieller Halsentzündung auftretende Rheumatischen Fieber mit der Folge von schweren Herz- und Nierenkrankheiten tritt angesichts der jungen Bevölkerung vermehrt auf. Ebenso kommt es bei Zunahme westlicher Lebensweise im Mittelstand vermehrt zu Herz-und Gefäßkrankheiten auf dem Boden von Bluthochdruck und Diabetes Mellitus mit den Folge von Herzinfarkt und Schlaganfall. Wesentlich sind auch bei zunehmendem Autoverkehr Verkehrsunfälle, aber auch häusliche Unfälle mit Frakturen und Pfählungen.

Die perinatale Sterblichkeit von Kindern ist seit 2005 halbiert, jedoch immer noch hoch (2013: 58/1.000 Lebendgeburten), die der Mütter 2013 war 358 Todesfälle auf 100.000 Lebend-Geburten. (2013 in Deutschland 7 Todesfälle auf 100.000 Geburten). Durch eine Geburtenzahl von 5,1 für jede Frau und einem jährlichen Bevölkerungswachstum von fast 3% steht die äthiopische Gesellschaft mit der rasch wachsenden, sehr jungen Bevölkerung (40% im Alter unter 14 Jahren) vor extremen Herausforderungen für deren Ausbildung, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung.

Aus diesen Tatsachen zogen wir für unseren Verein den Schluss, dass es angesichts dieser Verhältnisse nicht erfolgversprechend sein würde, vor Ort in Äthiopien auf dem Lande mit Ärzteteams aus Deutschland einzelne Patienten mit modernen medizinischen Techniken und mitgebrachtem Material zu behandeln. Wir kamen zu dem Schluss, dass es ein sehr viel erfolgversprechender Ansatz für unsere Unterstützung sein würde, sich darauf zu konzentrieren, ein einzelnes äthiopisches Universitätskrankenhaus langfristig so zu unterstützen, dass eine moderne und damit beispielhafte Klinikstruktur gemeinsam mit den dort vor Ort Tätigen Ärzten, Pflegekräften, Apothekern Verwaltungskräften und Technikern entstehen kann.

Hierfür wurde das Ayder Referral Hospital der Universität in Mekelle, der Hauptstadt der Nordprovinz Tigray ausgewählt. Es hebt sich neben einer für afrikanische Verhältnisse guten Baustruktur auch durch ein besonders interessiertes, lernbereites und engagiertes Ärzte- und Verwaltungsteam aus.

Das Ziel ist durch die Kombination aus materieller Hilfe und regelmäßigem Einsatz in Mekelle von Spezialisten aus Deutschland auf allen Gebieten diese Universitätsklinik nachhaltig mit so zu gestalten, dass sie als Vorbild für andere Universitäts- und großen kommunalen Krankenhäuser dienen kann und soll.

Wir hoffen, dass auf diese Weise auf breiter Basis eine Verbesserung der Ausbildung der aktuell tätigen und zukünftigen medizinischen Lehrer und Ausbilder auf administratorischem und technischem Gebiet möglich gemacht werden kann. Da in diesem Universitätsklinikum in großer Zahl Ärzte, Pflegepersonal und Hebammen ausgebildet werden, kommen die von uns vermittelten Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Wege der Gesundheitsversorgung in ganz Äthiopien zu Gute.

Zusätzlich werden, soweit die Möglichkeiten des Vereins es zulassen, punktuell auch in Mekelle das städtische Hospital und auch das Ausbildungskrankenhaus in Addis Abeba, St. Paulus Hospital mit unterstützt.

Oktober 2016

Kinderstation in Axum
Kinderstation in Axum
Krankenhausküche in Bishoftu
Krankenhausküche in Bishoftu
Wäscherei im Gandhi Hospital
Wäscherei im Gandhi Hospital
Alt und jung
Alt und jung
Mercato in Addis
Mercato in Addis Abeba
Das Ayder Referral Universtiätskrankenhaus in Mekelle